Seit dem medialen Aufstieg der „GenZ“ zu Beginn der 2020er Jahre wird (wieder) sehr viel über Glück und Sinn in Bezug auf Arbeit gesprochen. So wie es für Jüngere unglaublich erscheint eine Arbeit ohne Sinn auszuführen, die eigene kostbare Lebenszeit zu verschwenden, so schütteln viele Ältere nur verständnislos den Kopf, wenn die hundertste Purpose-Diskussion geführt wird.
Viele Erzählungen zur Arbeit fangen heute mit diesem Gegensatz an, „früher“ war sie mühsam, körperlich und notwendig. Heute hingegen soll sie möglichst sinnerfüllt, kreativ, selbstverwirklichend und erfüllend sein und das am besten schon beim ersten Praktikum. Viele arbeitende Menschen westlicher Gesellschaften haben anscheinend vergessen, dass Arbeit auch heute weltweit immer noch das ist, mühsam, körperlich und notwendig. Notwendig um das eigene Dasein zu bestreiten oder das der eigenen Familie.
Wie ich schon im Vorwort betonte: unabhängig von der individuellen Positionierung, der subjektiv durch eigene Arbeitserfahrungen geprägten Sicht, sollte festgehalten werden, dass wir über einen zentralen Mittelschichtdiskurs sprechen. Über die eigene Erwerbsarbeit unter Kriterien von Glück, Sinn und Anspruch nachdenken zu können ist selbst das Ergebnis privilegierter Verhältnisse. Der Grund, warum es sich überhaupt nicht privilegiert anfühlt über die emotionale „Bindung“ an die Arbeit oder das Unternehmen nachzudenken, liegt ganz simpel darin begründet, dass dieses bei uns keine Minderheitsbefindlichkeiten (mehr) sind. In den bürgerlichen Gesellschaften der Welt wurden „typische“ Diskurse um das richtige Leben, auch Arbeitsleben, zum Anspruch der gesamten Gesellschaft.
Während die Mehrheit der Erwerbstätigen trotz besserer Bedingungen weiter auf die Arbeit schimpft, aber froh ist einen sicheren Job zu haben, gibt es einen bestimmten Anteil, dem ich jetzt erstmal den Namen „Kreativwirtschaft“ gebe, der einen Großteil der Diskurse um „Work-Life-Balance“, „Autonomie“ und „New Work“ bindet. Es sind junge und mittelalte Mitarbeiter/innen aus Agenturen, Redaktionen, Start-ups und Hochschulen, es sind die Menschen, die Robert Reich in The Work of Nations. Preparing Ourselves for 21st-Century Capitalism „Symbolanalytiker“ nennt. […]
Wir sprechen von Menschen, die in Büros arbeiten, im Home-Office und an Konzepten, Bildern, Texten, Programmierungen oder Präsentationen. Es sind Berufe, die bis vor kurzem als die Gewinner/innen moderner Arbeit galten, für überdurchschnittlich hoch qualifizierte und flexible Individuen, meist von Akademiker/innen ausgeübt.
Aber die Aussichten der Humankapitaleliten (Boltanski/Chiapello 2003) haben sich über Nacht verschlechtert, für einige Berufe sogar dramatisch. Der Game-Changer trägt den Namen „KI“ und verbreitet aktuell Angst und Schrecken unter Designern, Fotografen, Journalisten und Programmierern, aber auch unter Juristen und Buchhaltern. Nachdem jahrzehntelang Industriearbeitsplätze durch Maschinen und Roboter ersetzt wurden, trifft es nun die „Kopfarbeiter“, eine späte ausgleichende Ungerechtigkeit, über die sich aber kaum jemand freuen mag.
In der Kreativwirtschaft, in der die Menschen eher überdurchschnittlich zufrieden arbeiten, ging und geht es v.a. um die Qualität der Arbeit und der Arbeitsbedingungen. Zu beobachten ist dieses aktuell etwa auf dem Business-Netzwerk LinkedIn, auf dem es viel um persönliche Entwicklung, Selbstaufmerksamkeit, toxische Männlichkeit oder das unfähige Management geht, was häufig natürlich zusammenhängt.
In dieser sehr privilegierten Welt geht es auch um das Geld, aber noch viel mehr um die Aspekte von Arbeit, die wichtiger sind oder sein sollen. Um Sinn, hier meist „purpose“ genannt. Um Menschen in ihren 50ern, die freiwillig kündigen, um endlich ihren purpose zu finden, oder Berufseinsteiger/innen, die ihn gleich wollen. Purpose scheint das verbindende Glied der (zu) oft erwähnten „Work-Life-Balance“.
… trifft es nun die „Kopfarbeiter“, eine späte ausgleichende Ungerechtigkeit, über die sich aber kaum jemand freuen mag.
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Die Diskurse um die „4-Tage-Woche“ sind im Kern meist von Unverständnis und Neid geprägt, nicht die Tatsache, dass nun ein Tag pro Woche weniger gearbeitet werden soll, erscheint als unberechtigt, sondern das junge Menschen, die am Beginn ihres Arbeitslebens stehen, nun gleich weniger arbeiten wollen. „Das hätte es bei uns nicht gegeben“ trifft auf die wichtigste Regel für die Arbeit in Deutschland, „erst die Arbeit dann das Vergnügen!“.
Die Reihenfolge in „Work-Life-Balance“ stimmt also schonmal!