Aus dem Buch · Kapitel III

Muss Arbeit glücklich machen und sinnvoll sein?

Purpose als Mittelschichtdiskurs und die Kopfarbeiter, die plötzlich selbst von der KI bedroht sind.

Von Dr. Mathias Stuhr · ca. 3 Min. Lesezeit

Seit dem me­di­a­len Auf­stieg der „GenZ“ zu Beginn der 2020er Jahre wird (wieder) sehr viel über Glück und Sinn in Bezug auf Arbeit ge­spro­chen. So wie es für Jüngere un­glaub­lich er­scheint eine Arbeit ohne Sinn aus­zu­füh­ren, die eigene kost­ba­re Le­bens­zeit zu ver­schwen­den, so schüt­teln viele Ältere nur ver­ständ­nis­los den Kopf, wenn die hun­derts­te Purpose-Dis­kus­si­on geführt wird.

Viele Er­zäh­lun­gen zur Arbeit fangen heute mit diesem Ge­gen­satz an, „früher“ war sie mühsam, kör­per­lich und not­wen­dig. Heute hin­ge­gen soll sie mög­lichst sin­n­er­füllt, kreativ, selbst­ver­wirk­li­chend und er­fül­lend sein und das am besten schon beim ersten Prak­ti­kum. Viele ar­bei­ten­de Men­schen west­li­cher Ge­sell­schaf­ten haben an­schei­nend ver­ges­sen, dass Arbeit auch heute welt­weit immer noch das ist, mühsam, kör­per­lich und not­wen­dig. Not­wen­dig um das eigene Dasein zu be­strei­ten oder das der eigenen Familie.

Wie ich schon im Vorwort betonte: un­ab­hän­gig von der in­di­vi­du­el­len Po­si­tio­nie­rung, der sub­jek­tiv durch eigene Ar­beits­er­fah­run­gen ge­präg­ten Sicht, sollte fest­ge­hal­ten werden, dass wir über einen zen­tra­len Mit­tel­schicht­dis­kurs spre­chen. Über die eigene Er­werbs­a­r­beit unter Kri­te­ri­en von Glück, Sinn und An­spruch nach­den­ken zu können ist selbst das Er­geb­nis pri­vi­le­gier­ter Ver­hält­nis­se. Der Grund, warum es sich über­haupt nicht pri­vi­le­giert anfühlt über die emo­ti­o­na­le „Bindung“ an die Arbeit oder das Un­ter­neh­men nach­zu­den­ken, liegt ganz simpel darin be­grün­det, dass dieses bei uns keine Min­der­heits­be­find­lich­kei­ten (mehr) sind. In den bür­ger­li­chen Ge­sell­schaf­ten der Welt wurden „ty­pi­sche“ Dis­kur­se um das rich­ti­ge Leben, auch Ar­beits­le­ben, zum An­spruch der ge­sam­ten Ge­sell­schaft.

Während die Mehr­heit der Er­werbs­tä­ti­gen trotz bes­se­rer Be­din­gun­gen weiter auf die Arbeit schimpft, aber froh ist einen si­che­ren Job zu haben, gibt es einen be­stimm­ten Anteil, dem ich jetzt erstmal den Namen „Kre­a­tiv­wirt­schaft“ gebe, der einen Groß­teil der Dis­kur­se um „Work-Life-Balance“, „Au­to­no­mie“ und „New Work“ bindet. Es sind junge und mit­tel­al­te Mit­a­r­bei­ter/innen aus Agen­tu­ren, Re­dak­ti­o­nen, Start-ups und Hoch­schu­len, es sind die Men­schen, die Robert Reich in The Work of Nations. Pre­pa­ring Our­sel­ves for 21st-Century Ca­pi­ta­lism „Sym­bo­l­ana­ly­ti­ker“ nennt. […]

Wir spre­chen von Men­schen, die in Büros ar­bei­ten, im Home-Office und an Kon­zep­ten, Bildern, Texten, Pro­gram­mie­run­gen oder Prä­sen­ta­ti­o­nen. Es sind Berufe, die bis vor kurzem als die Ge­win­ner/innen mo­der­ner Arbeit galten, für über­durch­schnitt­lich hoch qua­li­fi­zier­te und fle­xi­ble In­di­vi­du­en, meist von Aka­de­mi­ker/innen aus­ge­übt.

Aber die Aus­sich­ten der Hu­man­ka­pi­tale­li­ten (Bol­t­an­ski/Chia­pel­lo 2003) haben sich über Nacht ver­schlech­tert, für einige Berufe sogar dra­ma­tisch. Der Game-Changer trägt den Namen „KI“ und ver­brei­tet aktuell Angst und Schre­cken unter De­si­g­nern, Fo­to­gra­fen, Jour­na­lis­ten und Pro­gram­mie­rern, aber auch unter Ju­ris­ten und Buch­hal­tern. Nachdem jahr­zehn­te­lang In­dus­trie­a­r­beits­plät­ze durch Ma­schi­nen und Roboter ersetzt wurden, trifft es nun die „Kopf­a­r­b­ei­ter“, eine späte aus­glei­chen­de Un­ge­rech­tig­keit, über die sich aber kaum jemand freuen mag.

In der Kre­a­tiv­wirt­schaft, in der die Men­schen eher über­durch­schnitt­lich zu­frie­den ar­bei­ten, ging und geht es v.a. um die Qua­li­tät der Arbeit und der Ar­beits­be­din­gun­gen. Zu be­ob­ach­ten ist dieses aktuell etwa auf dem Busi­ness-Netz­werk Lin­ke­dIn, auf dem es viel um per­sön­li­che Ent­wick­lung, Selbst­auf­merk­sam­keit, to­xi­sche Männ­lich­keit oder das un­fä­hi­ge Ma­nage­ment geht, was häufig na­tür­lich zu­sam­men­hängt.

In dieser sehr pri­vi­le­gier­ten Welt geht es auch um das Geld, aber noch viel mehr um die Aspekte von Arbeit, die wich­ti­ger sind oder sein sollen. Um Sinn, hier meist „purpose“ genannt. Um Men­schen in ihren 50ern, die frei­wil­lig kün­di­gen, um endlich ihren purpose zu finden, oder Be­rufs­ein­stei­ger/innen, die ihn gleich wollen. Purpose scheint das ver­bin­den­de Glied der (zu) oft er­wähn­ten „Work-Life-Balance“.

… trifft es nun die „Kopf­a­r­b­ei­ter“, eine späte aus­glei­chen­de Un­ge­rech­tig­keit, über die sich aber kaum jemand freuen mag.

[…]

Die Dis­kur­se um die „4-Tage-Woche“ sind im Kern meist von Un­ver­ständ­nis und Neid geprägt, nicht die Tat­sa­che, dass nun ein Tag pro Woche weniger ge­ar­bei­tet werden soll, er­scheint als un­be­rech­tigt, sondern das junge Men­schen, die am Beginn ihres Ar­beits­le­bens stehen, nun gleich weniger ar­bei­ten wollen. „Das hätte es bei uns nicht gegeben“ trifft auf die wich­tigs­te Regel für die Arbeit in Deut­sch­land, „erst die Arbeit dann das Ver­gnü­gen!“.

Die Rei­hen­fol­ge in „Work-Life-Balance“ stimmt also schon­mal!

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