Aus dem Buch · Vorwort

Echt jetzt! Warum noch ein Buch zur Arbeit?

Über eine Arbeit, die gleichzeitig überbewertet und unterschätzt wird, und warum ausgerechnet Leidenschaft der richtige Begriff ist.

Von Dr. Mathias Stuhr · ca. 5 Min. Lesezeit

Schon wieder ein Buch über Arbeit! Ein Wort, das wahl­wei­se ein Nicken der Zu­stim­mung, ein Au­gen­rol­len oder den plötz­li­chen Drang auslöst, sich einen Kaffee zu holen. Für manche ist sie der Sinn des Lebens, für andere ein not­wen­di­ges Übel und für die be­son­ders Kre­a­ti­ven der per­fek­te Anlass, sich in einer end­lo­sen Spirale von To-do-Listen zu ver­lie­ren, ohne je etwas ab­zu­ha­ken.

Dieses Buch handelt von Arbeit. Aber nicht von der Arbeit, die wir in lang­wei­li­gen Po­w­er­Point-Prä­sen­ta­ti­o­nen er­tra­gen müssen, sondern von jener, die Men­schen bewegt und manch­mal auch in den Wahn­sinn treibt. Es geht um die Lei­den­schaft fürs Tun, um den „Traum­be­ruf“ und weniger um die Stra­te­gi­en, mit denen wir das eigene trost­lo­se Ar­beits­le­ben er­tra­gen.

Viel­leicht habt Ihr dieses Buch in der Hoff­nung auf eine ein­fa­che Antwort in die Hand ge­nom­men: Wie finde ich meine Be­ru­fung? Oder: Warum habe ich nach vier Tagen Home-Office das Gefühl, mein Sofa hasst mich? Die kurze Antwort: Es ist kom­pli­ziert. Die lange Antwort er­for­dert ein weites Aus­ho­len. Denn fast alle ak­tu­el­len De­bat­ten über Arbeit wurden schon einmal geführt; ver­än­dert hat sich ob­jek­tiv „nur“ die Technik.

Wir leben in einer Zeit, in der Arbeit gleich­zei­tig über­be­wer­tet und un­ter­schätzt wird. Auf Lin­ke­dIn feiern wir Kar­rie­re-Mei­len­stei­ne, während wir im nächs­ten Atemzug über die Vorzüge der Vier-Tage-Woche dis­ku­tie­ren. Wir wollen Er­fül­lung, aber bitte mit Work-Life-Balance. Wir streben nach „Purpose“, aber wehe, der Chef fragt nach Über­stun­den.

Für uns Deut­sche ist es fast eine Pro­vo­ka­ti­on, das leidige Thema Arbeit mit so etwas Schil­lern­dem wie Lei­den­schaft zu ver­bin­den […]. Glück geht noch; Sinn viel­leicht. Aber Lei­den­schaft? Der Grund, warum ich genau diesen Begriff wähle und nicht Be­geis­te­rung, Spaß oder Hobby liegt darin, dass der Fokus auf Lei­den­schaft mehrere Pro­ble­me gleich­zei­tig löst, dazu später mehr, und er den Blick neu aus­rich­tet. Es geht aus­drü­ck­lich nicht darum, den Geist der New Economy wie­der­zu­be­le­ben, der noch den lang­wei­ligs­ten Bürojob mit etwas Tisch­fuß­ball und Do­sen­bier auf­wer­ten wollte und wo der Blick aufs (leere) Konto keinen Spaß machte. Trotz­dem war dieser La­bor­ver­such der Arbeit (Stuhr, 2010) ein wich­ti­ger, gerade in einem Land, das Arbeit immer noch mit Ver­ach­tung straft und eine Kultur der Bü­ro­sprü­che pflegt, die ih­res­glei­chen sucht. Auch ich habe gelernt, dass Team eine Ab­kür­zung ist für: „Toll, ein anderer machts“. In ihrer Trost­lo­sig­keit ist diese Ironie aber ehr­li­cher und näher an der Wahr­neh­mung vieler ar­bei­ten­der Men­schen als jedes Mo­ti­va­ti­ons­ge­brab­bel der Per­so­na­l­ab­tei­lun­gen.

Die Idee, mit Lei­den­schaft zu ar­bei­ten, wird vor allem für Men­schen at­trak­tiv sein, die Dinge grund­sätz­lich mit Lei­den­schaft tun. Wer „Dienst nach Vor­schrift“ macht oder in der hippen Va­ri­a­n­te „Quiet Quit­ting“, braucht diesen Ansatz nicht und ist deshalb kein lang­wei­li­ger Mensch. Lei­den­schaft­li­che Men­schen sind keine bes­se­ren, klü­ge­ren oder ge­sün­de­ren Men­schen, aber viel­leicht be­wuss­te­re.

Neben der Lei­den­schaft […] ist es der Begriff der Selbst­wirk­sam­keit, der für mich zentral ist, um eine zeit­ge­mä­ße Form der Be­zie­hung zur Arbeit zu skiz­zie­ren. Der Begriff, bekannt ge­wor­den durch den ka­na­di­schen Psy­cho­lo­gen Albert Bandura, ist ebenso wie der der Lei­den­schaft keiner, den wir au­to­ma­tisch mit Arbeit ver­bin­den, aber viel­leicht ist genau das ein Teil des Pro­blems. Ich benutze diesen etwas sper­ri­gen Begriff, weil er genau das be­schreibt, was Arbeit immer sein sollte, ob mit oder ohne Lei­den­schaft. Eine selbst­wirk­sa­me Arbeit ist eine, in der Men­schen spürbar Ein­fluss auf Er­geb­nis­se haben, ver­ste­hen, wie ihr Handeln wirkt, und erleben, dass ihre Kom­pe­ten­zen etwas ver­än­dern, sie vor­an­kom­men. Sie ist das Ge­gen­teil von Tä­tig­kei­ten, bei denen man nur „ab­a­r­bei­tet“, ohne Wirkung zu sehen. Und dies be­schreibt alle Bran­chen und alle Berufe. Jede Aufgabe kann von Men­schen ge­stal­tet werden und ihnen das Gefühl geben, sich selbst ein­brin­gen zu können.

Wir streben nach „Purpose“, aber wehe, der Chef fragt nach Über­stun­den.

[…]

Jede/r braucht einen Aus­gleich zwi­schen An- und Ent­span­nung, zwi­schen profan und re­le­vant, braucht Nar­ra­ti­o­nen der An­stren­gung und Gren­z­er­fah­run­gen, um ein ge­sät­tig­tes Wohl­stands­le­ben noch er­tra­gen zu können. […] Die viel­leicht etwas ner­vi­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen „auf der Arbeit“ sind Teil dieser Re­so­nanz­räu­me, von denen der So­zio­lo­ge Hartmut Rosa spricht: Orte, an denen Men­schen sich wirk­lich be­geg­nen (Rosa, 2016). Die Auf­ga­ben fordern, ent­wi­ckeln, ver­bin­den. Des­we­gen rate ich jungen Men­schen mit dem Gefühl von Un­ver­bun­den­heit ex­pli­zit vom Home-Office ab […], auch das Hams­ter­rad kann Wärme spenden, und kein Kaffee ist so schlecht wie der im Büro.

Deine Or­ga­ni­sa­ti­on sorgt für die Auf­ga­ben, die Si­cher­heit, und hey, bezahlt wird dieser Teil des Lebens ja auch noch. Mir ist bewusst, dass diese Ver­klä­run­gen bei Schicht­a­r­bei­ter/innen, LKW-Fahrer/innen und Al­ten­pfle­ger/innen etwas ver­harm­lo­send rü­ber­kom­men, aber ich spreche zuerst von den Ar­beits­wel­ten einer wohl­ha­ben­den Mit­tel­schicht, ihren Büros, Ver­wal­tun­gen und Agen­tu­ren. […] Lei­den­schaft für die Arbeit braucht gute Rah­men­be­din­gun­gen, die Or­ga­ni­sa­ti­on hat dafür zu sorgen, von der Ein­rich­tung, über das Be­triebs­kli­ma bis zur Per­so­na­l­füh­rung, dass ich gern zur Arbeit gehe. Eine leis­tungs­ge­rech­te Be­zah­lung sollte eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sein.

[…] Die hier for­mu­lier­te Idee, Lei­den­schaft als Mög­lich­keit Sinn und Selbst­wirk­sam­keit zu er­fah­ren, ins Spiel zu bringen, ist also eine zu­tiefst pri­vi­le­gier­te. Es müssen Res­sour­cen an Zeit, Geld und Be­wusst­sein vor­han­den sein, um darüber nach­den­ken zu können, ob ich den Beruf mit den Rah­men­be­din­gun­gen finden werde, um dort morgens frei­wil­lig und gern auf­zu­schla­gen. Bei diesen Pri­vi­le­gi­en geht es aber nicht darum diese ein­zu­schrän­ken, weil sie un­ge­recht sind, sondern alle an diesen teil­ha­ben zu lassen. Das Nach­den­ken über die rich­ti­ge Arbeit ist es immer wert.

[…]

Da echte Al­ter­na­ti­ven zur Arbeits- und Kon­sum­ge­sell­schaft weiter nicht in Sicht sind, er­scheint eine moderne Ar­beits­welt, in der „richtig“ ge­ar­bei­tet wird, wei­ter­hin kon­kur­renz­los. Wer sie aber mit Lei­den­schaft betritt und dem Wunsch hier selbst­wirk­sam zu werden, wird erleben, dass Arbeit mehr sein kann als Mühe: ein Re­so­nanz­raum für Sinn und Ge­mein­schaft. Diese Or­ga­ni­sa­ti­ons­form, die selbst­wirk­sam­keit­s­o­ri­en­tiert ar­bei­tet, wird in Kapitel VI vor­ge­stellt. Wenn ich an­er­ken­ne, dass Arbeit ein wich­ti­ger Teil meines Lebens ist, nicht der wich­tigs­te, aber ein we­sent­li­cher, dann sollte ich sie mit Lei­den­schaft tun: für meinen Job, meine Kun­din­nen und Kol­le­gen, meine Ideen.

Wenn ich ak­zep­tie­re, dass ich die Ar­beits­welt mehr brauche als sie mich, dann kann sie richtig gut sein zu mir. Pro­biert es einfach aus.

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