Schon wieder ein Buch über Arbeit! Ein Wort, das wahlweise ein Nicken der Zustimmung, ein Augenrollen oder den plötzlichen Drang auslöst, sich einen Kaffee zu holen. Für manche ist sie der Sinn des Lebens, für andere ein notwendiges Übel und für die besonders Kreativen der perfekte Anlass, sich in einer endlosen Spirale von To-do-Listen zu verlieren, ohne je etwas abzuhaken.
Dieses Buch handelt von Arbeit. Aber nicht von der Arbeit, die wir in langweiligen PowerPoint-Präsentationen ertragen müssen, sondern von jener, die Menschen bewegt und manchmal auch in den Wahnsinn treibt. Es geht um die Leidenschaft fürs Tun, um den „Traumberuf“ und weniger um die Strategien, mit denen wir das eigene trostlose Arbeitsleben ertragen.
Vielleicht habt Ihr dieses Buch in der Hoffnung auf eine einfache Antwort in die Hand genommen: Wie finde ich meine Berufung? Oder: Warum habe ich nach vier Tagen Home-Office das Gefühl, mein Sofa hasst mich? Die kurze Antwort: Es ist kompliziert. Die lange Antwort erfordert ein weites Ausholen. Denn fast alle aktuellen Debatten über Arbeit wurden schon einmal geführt; verändert hat sich objektiv „nur“ die Technik.
Wir leben in einer Zeit, in der Arbeit gleichzeitig überbewertet und unterschätzt wird. Auf LinkedIn feiern wir Karriere-Meilensteine, während wir im nächsten Atemzug über die Vorzüge der Vier-Tage-Woche diskutieren. Wir wollen Erfüllung, aber bitte mit Work-Life-Balance. Wir streben nach „Purpose“, aber wehe, der Chef fragt nach Überstunden.
Für uns Deutsche ist es fast eine Provokation, das leidige Thema Arbeit mit so etwas Schillerndem wie Leidenschaft zu verbinden […]. Glück geht noch; Sinn vielleicht. Aber Leidenschaft? Der Grund, warum ich genau diesen Begriff wähle und nicht Begeisterung, Spaß oder Hobby liegt darin, dass der Fokus auf Leidenschaft mehrere Probleme gleichzeitig löst, dazu später mehr, und er den Blick neu ausrichtet. Es geht ausdrücklich nicht darum, den Geist der New Economy wiederzubeleben, der noch den langweiligsten Bürojob mit etwas Tischfußball und Dosenbier aufwerten wollte und wo der Blick aufs (leere) Konto keinen Spaß machte. Trotzdem war dieser Laborversuch der Arbeit (Stuhr, 2010) ein wichtiger, gerade in einem Land, das Arbeit immer noch mit Verachtung straft und eine Kultur der Bürosprüche pflegt, die ihresgleichen sucht. Auch ich habe gelernt, dass Team eine Abkürzung ist für: „Toll, ein anderer machts“. In ihrer Trostlosigkeit ist diese Ironie aber ehrlicher und näher an der Wahrnehmung vieler arbeitender Menschen als jedes Motivationsgebrabbel der Personalabteilungen.
Die Idee, mit Leidenschaft zu arbeiten, wird vor allem für Menschen attraktiv sein, die Dinge grundsätzlich mit Leidenschaft tun. Wer „Dienst nach Vorschrift“ macht oder in der hippen Variante „Quiet Quitting“, braucht diesen Ansatz nicht und ist deshalb kein langweiliger Mensch. Leidenschaftliche Menschen sind keine besseren, klügeren oder gesünderen Menschen, aber vielleicht bewusstere.
Neben der Leidenschaft […] ist es der Begriff der Selbstwirksamkeit, der für mich zentral ist, um eine zeitgemäße Form der Beziehung zur Arbeit zu skizzieren. Der Begriff, bekannt geworden durch den kanadischen Psychologen Albert Bandura, ist ebenso wie der der Leidenschaft keiner, den wir automatisch mit Arbeit verbinden, aber vielleicht ist genau das ein Teil des Problems. Ich benutze diesen etwas sperrigen Begriff, weil er genau das beschreibt, was Arbeit immer sein sollte, ob mit oder ohne Leidenschaft. Eine selbstwirksame Arbeit ist eine, in der Menschen spürbar Einfluss auf Ergebnisse haben, verstehen, wie ihr Handeln wirkt, und erleben, dass ihre Kompetenzen etwas verändern, sie vorankommen. Sie ist das Gegenteil von Tätigkeiten, bei denen man nur „abarbeitet“, ohne Wirkung zu sehen. Und dies beschreibt alle Branchen und alle Berufe. Jede Aufgabe kann von Menschen gestaltet werden und ihnen das Gefühl geben, sich selbst einbringen zu können.
Wir streben nach „Purpose“, aber wehe, der Chef fragt nach Überstunden.
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Jede/r braucht einen Ausgleich zwischen An- und Entspannung, zwischen profan und relevant, braucht Narrationen der Anstrengung und Grenzerfahrungen, um ein gesättigtes Wohlstandsleben noch ertragen zu können. […] Die vielleicht etwas nervigen Kolleginnen und Kollegen „auf der Arbeit“ sind Teil dieser Resonanzräume, von denen der Soziologe Hartmut Rosa spricht: Orte, an denen Menschen sich wirklich begegnen (Rosa, 2016). Die Aufgaben fordern, entwickeln, verbinden. Deswegen rate ich jungen Menschen mit dem Gefühl von Unverbundenheit explizit vom Home-Office ab […], auch das Hamsterrad kann Wärme spenden, und kein Kaffee ist so schlecht wie der im Büro.
Deine Organisation sorgt für die Aufgaben, die Sicherheit, und hey, bezahlt wird dieser Teil des Lebens ja auch noch. Mir ist bewusst, dass diese Verklärungen bei Schichtarbeiter/innen, LKW-Fahrer/innen und Altenpfleger/innen etwas verharmlosend rüberkommen, aber ich spreche zuerst von den Arbeitswelten einer wohlhabenden Mittelschicht, ihren Büros, Verwaltungen und Agenturen. […] Leidenschaft für die Arbeit braucht gute Rahmenbedingungen, die Organisation hat dafür zu sorgen, von der Einrichtung, über das Betriebsklima bis zur Personalführung, dass ich gern zur Arbeit gehe. Eine leistungsgerechte Bezahlung sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
[…] Die hier formulierte Idee, Leidenschaft als Möglichkeit Sinn und Selbstwirksamkeit zu erfahren, ins Spiel zu bringen, ist also eine zutiefst privilegierte. Es müssen Ressourcen an Zeit, Geld und Bewusstsein vorhanden sein, um darüber nachdenken zu können, ob ich den Beruf mit den Rahmenbedingungen finden werde, um dort morgens freiwillig und gern aufzuschlagen. Bei diesen Privilegien geht es aber nicht darum diese einzuschränken, weil sie ungerecht sind, sondern alle an diesen teilhaben zu lassen. Das Nachdenken über die richtige Arbeit ist es immer wert.
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Da echte Alternativen zur Arbeits- und Konsumgesellschaft weiter nicht in Sicht sind, erscheint eine moderne Arbeitswelt, in der „richtig“ gearbeitet wird, weiterhin konkurrenzlos. Wer sie aber mit Leidenschaft betritt und dem Wunsch hier selbstwirksam zu werden, wird erleben, dass Arbeit mehr sein kann als Mühe: ein Resonanzraum für Sinn und Gemeinschaft. Diese Organisationsform, die selbstwirksamkeitsorientiert arbeitet, wird in Kapitel VI vorgestellt. Wenn ich anerkenne, dass Arbeit ein wichtiger Teil meines Lebens ist, nicht der wichtigste, aber ein wesentlicher, dann sollte ich sie mit Leidenschaft tun: für meinen Job, meine Kundinnen und Kollegen, meine Ideen.
Wenn ich akzeptiere, dass ich die Arbeitswelt mehr brauche als sie mich, dann kann sie richtig gut sein zu mir. Probiert es einfach aus.