Essay

Warum schocken uns die PISA-Ergebnisse eigentlich nicht mehr?

Neugierig, anstrengungsbereit und trotzdem überzeugt, die Zeit zu verschwenden: Was PISA 2025 über die Schule als Organisation verrät und warum das auch Unternehmen etwas angeht.

Von Dr. Mathias Stuhr · September 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit

Am 8. Sep­tem­ber war es wieder so weit. Die OECD hat die Er­geb­nis­se von PISA 2025 ver­öf­fent­licht, und Deut­sch­land hat ge­lie­fert: das schlech­tes­te Er­geb­nis seit Beginn der Studie. Ma­the­ma­tik 464 Punkte, elf weniger als 2022. Lesen 465 Punkte, ein Minus von 15. Na­tur­wis­sen­schaf­ten 486. Ein Drittel der 15-Jäh­ri­gen ver­fehlt in Ma­the­ma­tik und Lesen das Min­dest­ni­veau, das die OECD als Grund­la­ge für eine volle Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Leben be­schreibt. Ein Drittel! Jeder dritte Ju­gend­li­che, der in zwei, drei Jahren eine Aus­bil­dung beginnt oder ins Studium geht, kann einen Text nicht sicher ver­ste­hen.

Und dann kam das, was immer kommt. Die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin nannte den Befund „be­sorg­nis­er­re­gend“, die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz sah die Grund­la­gen für eine Trend­wen­de bereits gelegt, die Ge­werk­schaft for­der­te einen Mas­ter­plan, die Ar­beit­ge­ber Kon­se­quen­zen, die Op­po­si­ti­on mehr Per­so­nal und mehr Geld. Und der Dro­gen­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung fragte, wie viel wis­sen­schaft­li­che Evidenz wir ei­gent­lich noch brau­chen, bevor wir handeln. Eine sehr gute Frage. Man hätte sie 2001 stellen können, beim ersten PISA-Schock. Oder im De­zem­ber 2023, als schon einmal vom „PISA-Schock 2.0“ die Rede war. Jetzt sind wir bei 3.0, und drei Wochen später redet kaum noch jemand darüber.

Ein Schock ist, per De­fi­ni­ti­on, etwas Un­er­war­te­tes. Genau da liegt das Problem.

Weil wir wissen, dass die Er­geb­nis­se richtig sind

Niemand, der Kinder hat, an einer Schule ar­bei­tet oder Aus­zu­bil­den­de ein­stellt, war am 8. Sep­tem­ber über­rascht. PISA misst, was alle längst sehen: in der El­tern­sprech­stun­de, im Klas­sen­chat, im Ein­stel­lungs­test des Hand­werks­be­triebs. Die Studie ist kein Blitz aus hei­te­rem Himmel, sie ist der Wet­ter­be­richt im No­vem­ber. Es regnet. Wer hätte das gedacht.

Das ist bitter, aber auch ehrlich. Denn es heißt: Wir brau­chen keine weitere Studie, keine Ex­per­ten­kom­mis­si­on und keinen wei­te­ren Weckruf. Wir wissen es. Wir haben uns nur daran gewöhnt.

Weil wir wissen, dass unser Bil­dungs­sys­tem nicht funk­tio­niert

Es be­geis­tert nicht, es führt nicht, es fordert nicht, und es sieht nicht einmal gut aus dabei. Das klingt nach Stamm­tisch. Das Er­staun­li­che ist, dass die OECD-Daten jeden dieser vier Punkte belegen.

Es be­geis­tert nicht. Die viel­leicht wich­tigs­te Zahl der ganzen Studie ging in den Schlag­zei­len unter. Deut­sche Ju­gend­li­che sind neu­gie­ri­ger als der OECD-Durch­schnitt: 77 Prozent be­rich­ten von Neugier (OECD: 73). Sie stren­gen sich bei schwie­ri­gen Auf­ga­ben auch häu­fi­ger an: 64 Prozent (OECD: 60). Und trotz­dem hält ein Drittel die Schule für Zeit­ver­schwen­dung, deut­lich mehr als im OECD-Schnitt (24 Prozent). Lest das bitte zweimal. Die jungen Men­schen bringen die Neugier mit, und die Schule schafft es, sie ihnen ab­zu­ge­wöh­nen. Das Problem sind nicht die „faulen“ Ju­gend­li­chen. Das Problem ist die Or­ga­ni­sa­ti­on, in der sie jeden Morgen sitzen.

Es führt nicht. Zwi­schen sozial be­güns­tig­ten und be­nach­tei­lig­ten Ju­gend­li­chen liegen in Deut­sch­land 125 Punkte, im OECD-Schnitt sind es 85. Fast ein Fünftel der Leis­tungs­un­ter­schie­de erklärt sich allein über die Her­kunft, deut­lich mehr als im Durch­schnitt der OECD. Die Bil­dungs­mi­nis­te­rin hat es selbst gesagt: Das Auf­stiegs­ver­spre­chen funk­tio­niert nicht. Eine Schule, die nie­man­den aus seiner Her­kunft her­aus­führt, führt eben nir­gend­wo­hin. Sie sor­tiert. Und das tut sie seit 25 Jahren mit be­mer­kens­wer­ter Prä­zi­si­on, Ef­fi­zi­enz war ja schon immer unsere Stärke.

Es fordert nicht. In der Spit­zen­grup­pe, also auf den obers­ten Kom­pe­tenz­stu­fen, landen in Ma­the­ma­tik gerade einmal 8 Prozent, im Lesen 7 Prozent. Fordern heißt zu­trau­en. Wer fordert, sagt: Ich glaube, dass du das kannst. Ich habe in meinem Buch gefragt, und ich frage es hier noch einmal: Warum habt Ihr kein Ver­trau­en in Eure Kinder, in Eure Schü­le­rin­nen und Schüler? Statt Ver­trau­en gibt es „Stoff“, der „durch­ge­nom­men“ wird. Eine Lehr­kraft, die nur noch den Stoff der sechs­ten Klasse durch­nimmt, ist üb­ri­gens schon heute durch Technik er­setz­bar. Die Hälfte der Ju­gend­li­chen lernt in­zwi­schen jede Woche mit KI-Chat­bots. Sie haben sich ihren Nach­hil­fe­leh­rer also schon selbst or­ga­ni­siert, während wir noch über Han­dy­ver­bo­te dis­ku­tie­ren.

Und es sieht nicht einmal gut aus dabei. Fast jede und jeder dritte 15-Jährige erlebt re­gel­mä­ßig Mobbing, im OECD-Schnitt ist es jeder Fünfte. Dazu kommen Gebäude, deren Toi­let­ten in jeder El­tern­ver­samm­lung ein eigener Ta­ges­ord­nungs­punkt sind. Man kann Kindern nicht drei­zehn Jahre lang bei­brin­gen, dass Bildung das Wich­tigs­te ist, und sie dafür in Räume setzen, die das Ge­gen­teil sagen.

Die jungen Men­schen bringen die Neugier mit, und die Schule schafft es, sie ihnen ab­zu­ge­wöh­nen.

Lei­den­schaft ist eine Or­ga­ni­sa­ti­ons­leis­tung

In „Arbeit in der Be­zie­hungs­kri­se“ ver­tre­te ich eine These, die für Un­ter­neh­men gedacht war, aber auf die Schule fast noch besser passt: Lei­den­schaft ist keine Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaft. Lei­den­schaft ist eine Or­ga­ni­sa­ti­ons­leis­tung.

Men­schen ent­wi­ckeln Mo­ti­va­ti­on, wenn sie erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt. Der Psy­cho­lo­ge Albert Bandura nannte das Selbst­wirk­sam­keit. Wer immer wieder erlebt, dass An­stren­gung fol­gen­los bleibt, passt seine Er­war­tun­gen an. Man re­du­ziert den Einsatz, man wird vor­sich­ti­ger, man kon­zen­triert sich aufs Not­wen­di­ge. Schü­le­rin­nen und Schüler ver­lie­ren nicht deshalb die Lust am Lernen, weil sie grund­sätz­lich ler­nun­wil­lig wären. Sie ver­lie­ren die Er­fah­rung, mit ihrem eigenen Einsatz etwas be­wir­ken zu können.

Genau das zeigen die PISA-Daten: neu­gie­rig, an­stren­gungs­be­reit und trotz­dem über­zeugt, die Zeit zu ver­schwen­den. Das ist kein Mo­ti­va­ti­ons­pro­blem, es ist ein Struk­tur­pro­blem.

Das Absurde daran: Die Päd­ago­gik weiß das seit Jahr­zehn­ten. „Hilfe zur Selbst­hil­fe“ ist in der So­zi­a­len Arbeit pro­fes­si­o­nel­ler Stan­dard. Niemand käme auf die Idee, ein Kind zur Selbst­stän­dig­keit zu er­zie­hen, indem man jede Ent­schei­dung für es trifft. In der Schule tun wir genau das: Lehr­plan, Stoff, Test, Note, nächs­ter Stoff. Und dann wundern wir uns, dass am Ende jemand her­aus­kommt, der auf An­wei­sun­gen wartet.

Und was hat das mit Eurer Firma zu tun?

Sehr viel. Die Schule ist die erste Or­ga­ni­sa­ti­on, die junge Men­schen erleben. Drei­zehn Jahre lang, jeden Tag. Was sie dort lernen, ist nicht nur Ma­the­ma­tik und Lesen, sondern vor allem, wie Or­ga­ni­sa­ti­o­nen funk­tio­nie­ren: dass Einsatz wenig ver­än­dert, dass man besser nicht auf­fällt, dass es auf die Note ankommt und nicht auf die Sache.

Mit genau dieser Er­fah­rung kommen sie dann zu Euch. Und Ihr wundert Euch über „Dienst nach Vor­schrift“, über Quiet Quit­ting, über eine Ge­ne­ra­ti­on, die an­geb­lich keine Lust hat. Nur 9 Prozent der Be­schäf­tig­ten in Deut­sch­land fühlen sich laut Gallup emo­ti­o­nal stark an ihren Ar­beit­ge­ber ge­bun­den. Ich habe es im Buch so for­mu­liert: Die Deut­schen mögen ihre Arbeit, aber sie lieben sie nicht. Viel­leicht haben wir das in der Schule gelernt.

Die gute Nach­richt: Un­ter­neh­men müssen nicht auf die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz warten. Jede Or­ga­ni­sa­ti­on kann Be­din­gun­gen schaf­fen, unter denen Men­schen erleben, dass ihr Handeln einen Un­ter­schied macht, auch für Aus­zu­bil­den­de, die mit drei­zehn Jahren Ge­gen­er­fah­rung an­kom­men. Das ist Arbeit, viel Arbeit. Aber sie ist bil­li­ger als das nächste Mo­ti­va­ti­ons­se­mi­nar.

Wir mögen Bildung. Wir lieben sie nicht.

Wir finden Bildung wichtig. Wir zi­tie­ren sie in jeder Sonn­tags­re­de, wir nennen sie unsere einzige Res­sour­ce, wir sind das Land der Dichter und Denker. Aber wir lieben sie nicht. Wir nehmen sie nicht ernst genug, um etwas zu ris­kie­ren: Macht ab­zu­ge­ben, Ver­trau­en zu schen­ken, Schule als Or­ga­ni­sa­ti­on neu zu denken, statt sie alle drei Jahre neu zu be­dau­ern.

Und über etwas, das man nicht liebt, erschrickt man auch nicht mehr, wenn es ka­putt­geht.

Der nächste PISA-Test kommt be­stimmt. Der Schock nicht.

just work ist ein Angebot des Instituts für Arbeitskultur und berufliche Entwicklung Vorträge bei redner.deLinkedInImpressumDatenschutzKontakt