Am 8. September war es wieder so weit. Die OECD hat die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht, und Deutschland hat geliefert: das schlechteste Ergebnis seit Beginn der Studie. Mathematik 464 Punkte, elf weniger als 2022. Lesen 465 Punkte, ein Minus von 15. Naturwissenschaften 486. Ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt in Mathematik und Lesen das Mindestniveau, das die OECD als Grundlage für eine volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beschreibt. Ein Drittel! Jeder dritte Jugendliche, der in zwei, drei Jahren eine Ausbildung beginnt oder ins Studium geht, kann einen Text nicht sicher verstehen.
Und dann kam das, was immer kommt. Die Bundesbildungsministerin nannte den Befund „besorgniserregend“, die Kultusministerkonferenz sah die Grundlagen für eine Trendwende bereits gelegt, die Gewerkschaft forderte einen Masterplan, die Arbeitgeber Konsequenzen, die Opposition mehr Personal und mehr Geld. Und der Drogenbeauftragte der Bundesregierung fragte, wie viel wissenschaftliche Evidenz wir eigentlich noch brauchen, bevor wir handeln. Eine sehr gute Frage. Man hätte sie 2001 stellen können, beim ersten PISA-Schock. Oder im Dezember 2023, als schon einmal vom „PISA-Schock 2.0“ die Rede war. Jetzt sind wir bei 3.0, und drei Wochen später redet kaum noch jemand darüber.
Ein Schock ist, per Definition, etwas Unerwartetes. Genau da liegt das Problem.
Weil wir wissen, dass die Ergebnisse richtig sind
Niemand, der Kinder hat, an einer Schule arbeitet oder Auszubildende einstellt, war am 8. September überrascht. PISA misst, was alle längst sehen: in der Elternsprechstunde, im Klassenchat, im Einstellungstest des Handwerksbetriebs. Die Studie ist kein Blitz aus heiterem Himmel, sie ist der Wetterbericht im November. Es regnet. Wer hätte das gedacht.
Das ist bitter, aber auch ehrlich. Denn es heißt: Wir brauchen keine weitere Studie, keine Expertenkommission und keinen weiteren Weckruf. Wir wissen es. Wir haben uns nur daran gewöhnt.
Weil wir wissen, dass unser Bildungssystem nicht funktioniert
Es begeistert nicht, es führt nicht, es fordert nicht, und es sieht nicht einmal gut aus dabei. Das klingt nach Stammtisch. Das Erstaunliche ist, dass die OECD-Daten jeden dieser vier Punkte belegen.
Es begeistert nicht. Die vielleicht wichtigste Zahl der ganzen Studie ging in den Schlagzeilen unter. Deutsche Jugendliche sind neugieriger als der OECD-Durchschnitt: 77 Prozent berichten von Neugier (OECD: 73). Sie strengen sich bei schwierigen Aufgaben auch häufiger an: 64 Prozent (OECD: 60). Und trotzdem hält ein Drittel die Schule für Zeitverschwendung, deutlich mehr als im OECD-Schnitt (24 Prozent). Lest das bitte zweimal. Die jungen Menschen bringen die Neugier mit, und die Schule schafft es, sie ihnen abzugewöhnen. Das Problem sind nicht die „faulen“ Jugendlichen. Das Problem ist die Organisation, in der sie jeden Morgen sitzen.
Es führt nicht. Zwischen sozial begünstigten und benachteiligten Jugendlichen liegen in Deutschland 125 Punkte, im OECD-Schnitt sind es 85. Fast ein Fünftel der Leistungsunterschiede erklärt sich allein über die Herkunft, deutlich mehr als im Durchschnitt der OECD. Die Bildungsministerin hat es selbst gesagt: Das Aufstiegsversprechen funktioniert nicht. Eine Schule, die niemanden aus seiner Herkunft herausführt, führt eben nirgendwohin. Sie sortiert. Und das tut sie seit 25 Jahren mit bemerkenswerter Präzision, Effizienz war ja schon immer unsere Stärke.
Es fordert nicht. In der Spitzengruppe, also auf den obersten Kompetenzstufen, landen in Mathematik gerade einmal 8 Prozent, im Lesen 7 Prozent. Fordern heißt zutrauen. Wer fordert, sagt: Ich glaube, dass du das kannst. Ich habe in meinem Buch gefragt, und ich frage es hier noch einmal: Warum habt Ihr kein Vertrauen in Eure Kinder, in Eure Schülerinnen und Schüler? Statt Vertrauen gibt es „Stoff“, der „durchgenommen“ wird. Eine Lehrkraft, die nur noch den Stoff der sechsten Klasse durchnimmt, ist übrigens schon heute durch Technik ersetzbar. Die Hälfte der Jugendlichen lernt inzwischen jede Woche mit KI-Chatbots. Sie haben sich ihren Nachhilfelehrer also schon selbst organisiert, während wir noch über Handyverbote diskutieren.
Und es sieht nicht einmal gut aus dabei. Fast jede und jeder dritte 15-Jährige erlebt regelmäßig Mobbing, im OECD-Schnitt ist es jeder Fünfte. Dazu kommen Gebäude, deren Toiletten in jeder Elternversammlung ein eigener Tagesordnungspunkt sind. Man kann Kindern nicht dreizehn Jahre lang beibringen, dass Bildung das Wichtigste ist, und sie dafür in Räume setzen, die das Gegenteil sagen.
Die jungen Menschen bringen die Neugier mit, und die Schule schafft es, sie ihnen abzugewöhnen.
Leidenschaft ist eine Organisationsleistung
In „Arbeit in der Beziehungskrise“ vertrete ich eine These, die für Unternehmen gedacht war, aber auf die Schule fast noch besser passt: Leidenschaft ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Leidenschaft ist eine Organisationsleistung.
Menschen entwickeln Motivation, wenn sie erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt. Der Psychologe Albert Bandura nannte das Selbstwirksamkeit. Wer immer wieder erlebt, dass Anstrengung folgenlos bleibt, passt seine Erwartungen an. Man reduziert den Einsatz, man wird vorsichtiger, man konzentriert sich aufs Notwendige. Schülerinnen und Schüler verlieren nicht deshalb die Lust am Lernen, weil sie grundsätzlich lernunwillig wären. Sie verlieren die Erfahrung, mit ihrem eigenen Einsatz etwas bewirken zu können.
Genau das zeigen die PISA-Daten: neugierig, anstrengungsbereit und trotzdem überzeugt, die Zeit zu verschwenden. Das ist kein Motivationsproblem, es ist ein Strukturproblem.
Das Absurde daran: Die Pädagogik weiß das seit Jahrzehnten. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist in der Sozialen Arbeit professioneller Standard. Niemand käme auf die Idee, ein Kind zur Selbstständigkeit zu erziehen, indem man jede Entscheidung für es trifft. In der Schule tun wir genau das: Lehrplan, Stoff, Test, Note, nächster Stoff. Und dann wundern wir uns, dass am Ende jemand herauskommt, der auf Anweisungen wartet.
Und was hat das mit Eurer Firma zu tun?
Sehr viel. Die Schule ist die erste Organisation, die junge Menschen erleben. Dreizehn Jahre lang, jeden Tag. Was sie dort lernen, ist nicht nur Mathematik und Lesen, sondern vor allem, wie Organisationen funktionieren: dass Einsatz wenig verändert, dass man besser nicht auffällt, dass es auf die Note ankommt und nicht auf die Sache.
Mit genau dieser Erfahrung kommen sie dann zu Euch. Und Ihr wundert Euch über „Dienst nach Vorschrift“, über Quiet Quitting, über eine Generation, die angeblich keine Lust hat. Nur 9 Prozent der Beschäftigten in Deutschland fühlen sich laut Gallup emotional stark an ihren Arbeitgeber gebunden. Ich habe es im Buch so formuliert: Die Deutschen mögen ihre Arbeit, aber sie lieben sie nicht. Vielleicht haben wir das in der Schule gelernt.
Die gute Nachricht: Unternehmen müssen nicht auf die Kultusministerkonferenz warten. Jede Organisation kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht, auch für Auszubildende, die mit dreizehn Jahren Gegenerfahrung ankommen. Das ist Arbeit, viel Arbeit. Aber sie ist billiger als das nächste Motivationsseminar.
Wir mögen Bildung. Wir lieben sie nicht.
Wir finden Bildung wichtig. Wir zitieren sie in jeder Sonntagsrede, wir nennen sie unsere einzige Ressource, wir sind das Land der Dichter und Denker. Aber wir lieben sie nicht. Wir nehmen sie nicht ernst genug, um etwas zu riskieren: Macht abzugeben, Vertrauen zu schenken, Schule als Organisation neu zu denken, statt sie alle drei Jahre neu zu bedauern.
Und über etwas, das man nicht liebt, erschrickt man auch nicht mehr, wenn es kaputtgeht.
Der nächste PISA-Test kommt bestimmt. Der Schock nicht.